Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus: "Es sei unerlässlich, einen Gang zurückzuschalten."

Der Papst fordert ein Umdenken und nimmt die reichen Länder in die Pflicht, ihren Lebensstil zu verändern. Er verurteilt die Umweltzerstörung: "Menschen verschandeln und verseuchen die Natur."

Laudatio si' von Papst Franziskus in deutscher Sprache


Bericht auf ARD: Vom Paradies zur Müllhalde

Der Papst würdigt die zahlreichen Bürgerverbände, die der Sensibilisierung um die dramatischen Folgen der Umweltzerstörung dienen. „Nach einer Zeit irrationalen Vertrauens auf den Fortschritt und das menschliche Können tritt jetzt ein Teil der Gesellschaft in eine Phase stärkerer Bewusstheit ein. Es ist eine steigende Sensibilität für die Umwelt und die Pflege der Natur zu beobachten, und es wächst eine ehrliche, schmerzliche Besorgnis um das, was mit unserem Planeten geschieht.“ Gleichzeitig sieht er, dass „leider viele Anstrengungen, konkrete Lösungen für die Umweltkrise zu suchen, oft vergeblich sind, nicht allein wegen der Ablehnung der Machthaber, sondern auch wegen der Interessenlosigkeit der anderen. Die Haltungen, welche – selbst unter den Gläubigen – die Lösungswege blockieren, reichen von der Leugnung des Problems bis zur Gleichgültigkeit, zur bequemen Resignation oder zum blinden Vertrauen auf die technischen Lösungen.“ So „bedarf es der Talente und des Engagements aller, um den durch den menschlichen Missbrauch der Schöpfung Gottes angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Alle können als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten, ein jeder von seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Initiativen und seinen Fähigkeiten aus.“

©DPA: Franz von Assisi
©DPA: Franz von Assisi

"Der heilige Franziskus von Assisi kann uns als Leitbild und Inspiration dienen. Ich glaube, dass Franziskus das Beispiel schlechthin für die Achtsamkeit gegenüber dem Schwachen und für eine froh und authentisch gelebte ganzheitliche Ökologie ist. Sein Zeugnis zeigt uns auch, dass eine ganzheitliche Ökologie eine Offenheit gegenüber Kategorien verlangt, die über die Sprache der Mathematik oder der Biologie hinausgehen und uns mit dem Eigentlichen des Menschen verbinden. Wie es uns geht, wenn wir uns in einen Menschen verlieben, so war jedes Mal, wenn er die Sonne, den Mond oder die kleinsten Tiere bewunderte, seine Reaktion die, zu singen und die anderen Geschöpfe in sein Lob einzubeziehen. Er trat mit der gesamten Schöpfung in Verbindung und predigte sogar den Blumen „und lud sie zum Lob des Herrn ein, wie wenn sie vernunftbegabte Wesen wären“. Seine Reaktion war weit mehr als eine intellektuelle Bewertung oder ein wirtschaftliches Kalkül, denn für ihn war jedes Geschöpf eine Schwester oder ein Bruder, ihm verbunden durch die Bande zärtlicher Liebe. Deshalb fühlte er sich berufen, alles zu hüten, was existiert. Sein Jünger, der heilige Bonaventura, erzählte: „Eingedenk dessen, dass alle Geschöpfe ihren letzten Ursprung in Gott haben, war er von noch überschwänglicherer Zuneigung zu ihnen erfüllt. Auch die kleinsten Geschöpfe nannte er deshalb Bruder und Schwester.“

 

Diese Überzeugung darf nicht als irrationaler Romantizismus herabgewürdigt werden, denn sie hat Konsequenzen für die Optionen, die unser Verhalten bestimmen. Wenn wir uns der Natur und der Umwelt ohne diese Offenheit für das Staunen und das Wunder nähern, wenn wir in unserer Beziehung zur Welt nicht mehr die Sprache der Brüderlichkeit und der Schönheit sprechen, wird unser Verhalten das des Herrschers, des Konsumenten oder des bloßen Ausbeuters der Ressourcen sein, der unfähig ist, seinen unmittelbaren Interessen eine Grenze zu setzen. Wenn wir uns hingegen allem, was existiert, innerlich verbunden fühlen, werden Genügsamkeit und Fürsorge von selbst aufkommen. Die Armut und die Einfachheit des heiligen Franziskus waren keine bloß äußerliche Askese, sondern etwas viel Radikaleres: ein Verzicht darauf, die Wirklichkeit in einen bloßen Gebrauchsgegenstand und ein Objekt der Herrschaft zu verwandeln."

Aus: Enzyklika Laudato Si' von Papst Franziskus "Über die Sorge für das gemeinsame Haus" (24. Mai 2015)

Reaktionen

 

Papst Franziskus liest der Politik und und der Finanzwelt die Leviten und demontiert ein auf Wachstum und Machterhalt gegründetes Bündnis, berichtet die Presse.


"Schuldig aber machen wir uns in jedem Fall, wenn wir mit der Natur umgehen wie mit einem Truppenübungsplatz", kommentiert Matthias Matussek die Umwelt-Enzyklika in der Welt. Und weiter: "Er redet uns ins Gewissen, dieser Papst." Auch wenn die päpstlichen Ausführungen "in den folgenden Wochen für Fraktionskämpfe vereinnahmt werden", sind sie vor allem eine "Einladung zur Selbstbefragung, an alle Lager: Wofür leben wir, was hinterlassen wird, was ist unsere Bestimmung? Sie spricht nicht nur von den äußeren Wüsten, sondern auch den inneren, die wachsen."


"Der grüne Papst" betitelt Hans-Jürgen Schlamp seinen Beitrag im Spiegel und berichtet über die versuchte Einflussnahme auf den Papst im Vorfeld.


Diese Enzyklika "stärkt Umweltschützerinnen und Umweltschützern den Rücken und nimmt Politik und Wirtschaft in die Pflicht", hat sich doch das kirchliche Oberhaupt als "Öko-Papst geoutet", berichet SAT 1.


Steven Geyer sieht in der Berliner Zeitung vor allem sechs Gruppen, denen Papst Franziskus auf die Füße tritt. Unter ihnen die Neoliberalen und Turbo-Kapitalisten, die er wissen lässt, dass "Wasser und Luft Gemeingüter sein müssten. Er geißelt die Konsumgesellschaft und die globalisierte Technikgläubigkeit und warnt vor der Gentechnik in der Landwirtschaft. Nicht einmal das Privateigentum hält er für „absolut und unantastbar“ – tatsächlich sei „die Unterordnung des Privateigentums unter das Gemeinwohl (sogar) die goldene Regel“ des Zusammenlebens."


Laut Irene Mayer-Kilani im Kurier kritisiert der Papst "die Rücksichtslosigkeit gegenüber der Natur sowie Konsumverhalten und Kapitalismus. Er erinnert die "Mächtigen der Welt" daran, dass sie sich eines Tages vor Gott rechtfertigen müssten, falls sie Umweltschutz vernachlässigten."


Die detaillierte Analyse der Umweltzerstörung des Papstes samt Lösungsvorschläge ist für Julius Müller-Meiningen im Neuen Westfälischen Presseportal "nur der Ausgangspunkt für eine verheerende Kapitalismuskritik mit dem berechtigten Hinweis, dass vom Raubbau an der Erde nur einige Wenige profitieren, die Ärmsten durch ihn aber noch ärmer werden. Blinder Fortschrittsglaube, Konsumismus und die ungezügelte Macht der Hochfinanz sind die eigentlichen Sorgenkinder dieses Papstes." Seiner Meinung nach "verletzt Bergoglio auch ein Sakrileg des wachstumshörigen Mainstream-Denkens, wenn er fordert, dass in Teilen der reichen Welt eine Rezession zu akzeptieren sei, um anderswo Aufschwung zu ermöglichen", als ein Zeichen von "radikaler Umwelt-, Sozial-, und Wirtschaftspolitik".


"Die Menschen müssen die Umwelt schützen", forder Papst Franziskus in den Salzburger Nachrichten und "ruft zur ökologischen Bekehrung". Weiters kritisiert er "die Rettung der Banken um jeden Preis". Denn "dafür habe die Bevölkerung in den Jahren der Krise einen hohen Preis gezahlt, indem man die Kosten dafür der Bevölkerung aufbürdet, ohne den festen Entschluss, das gesamte System zu überprüfen und zu reformieren". Es "unterstützt eine absolute Herrschaft der Finanzen, die keine Zukunft besitzt und nach einer langwierigen, kostspieligen und scheinbaren Heilung nur neue Krisen hervorrufen kann."